- Zweiter Teil von meinem Fazit über die Zeit auf der Farm -
Als erstes möchte ich mich über das brutal schlechte Wortspiel im Titel entschuldigen. Mir fällt leider gerade nichts Besseres ein, ich hoffe ihr könnt mir verzeihen.
Nachdem ich im letzten Beitrag etwas zu der Tätigkeit geschrieben habe, die die erste Tageshälfte füllt - die Arbeit - erzähle ich jetzt etwas dazu, was normalerweise in der zweiten Tageshälfte passiert.
Ab 3 steht einem der Tag also frei zur Verfügung. Da aber in unmittelbarer Umgebung nichts ist heisst das in der Regel nicht, dass dann großartige Ausflüge anstehen. Viele Freiwillige nutzen die Zeit zum Entspannen und Lesen oder kümmern sich um andere Aufgaben, die das Leben auf der Ökofarm so mit sich bringen.
Wäsche waschen zum Beispiel. Das heisst:
Wäsche nach 30/60 Grad sortieren, Weiß und Bunt trennen, Waschmaschine auf... Nein, leider nicht. Die Wäsche wird per Hand gewaschen. Fließend Wasser gibt es aber auch nicht. Um warmes Wasser zu erzeugen gibt es spezielle Vorrichtungen, die ich mal zu beschreiben versuche. Der Gerät ist eine Art Metalkessel in Zylinderform - es gibt sie in verschiedenen Größen, der größte, den es dort gab, war ungefähr 60 cm hoch und hatte einen Durchmesser von ca. 25 cm.
Der Kessel eine doppelte Wand, in die man Wasser füllt. Man entzündet auf einem kleinen Teller dann ein kleines Feuer, "stülpt" den Kessel, der unten offen ist, obendrüber und schmeisst in die Öffnung oben Feuerholz rein. Nach ungefähr 17 Versuchen brennt das Feuer dann und wenn man es dann nach weiteren achteinhalb Versuchen dann auch dazu bringen kann, für 10 Minuten zu brennen, hat man mehrere Liter kochendes Wasser. (Unter Umständen sind persönliche Erfahrungen meinerseits eingeflossen und die Zahlen entsprechen nicht ganz der Statistik)
Aber zurück zum Waschen. Man besorgt sich also einen großen Plastikeimer, schmeisst seine Wäsche rein, kippt das heiße Wasser drauf und schnappt sich ein Stück ökologische Seife. (Normales Waschmittel ist nicht drin; Es gibt keinen Abfluss, alles benutzte Wasser geht direkt in die Natur und die steht ja bekanntlich nicht so auf Chemikalien) Danach versucht man mit allen einem zur Verfügung stehenden Mitteln (Händen und Füßen) die geheimen Informationen aus der Wäsche rauszuprügeln.
Man erkennt, dass der Vorgang abgeschlossen und die Wäsche sauber ist, wenn einem sämtliche Muskeln im Körper wehtun und man das Gefühl hat gerade einen Boxkampf verloren zu haben.
Aber mal im Ernst: Man lernt wirklich wertzuschätzen, wie geil alltägliche Dinge wie Waschmaschienen oder fließend Wasser, besonders HEIßES fließend Wasser sind.
Vielleicht kann man sich denken worauf ich hinaus will: die Dusche.
Geduscht wird mit einer Solardusche. Das heißt, dass Wasser aus der Wasserquelle direkt in der Nähe (von der sämtliches benutzes oder konsumiertes H20 stammt) über hydraulische Widder (Wasserpumpen, die keine Energie brauchen, sondern nur mit der Fließkraft des Wassers arbeiten) in Tanks aus dünnem Plastik gepumpt, die dann von der Sonne aufgeheizt werden. So hat man eine schön warme Dusche.
Es gibt nur einen Fehler in der Gleichung: Wenn die Sonne nicht scheint, duscht man mit Wasser, das buchstäblich direkt aus dem Berg kommt. Da bekommt das Wort arschkalt eine ganz neue Bedeutung.
Wenn man unter solchen Umständen lebt, lernt man ganz generell, wie unglaublig abhängig die eigene Laune vom Wetter ist. Unter "normalen" Umständen freut man sich über Sonne und ärgert sich über bewölkten Himmel und Regen, aber meiner Erfahrungen nach wurden diese "Stimmungsschwankungen" noch viel extremer.
Regen und Kälte heisst nasse Klamotten und Schuhe, die man nicht trocken kriegt, kalte Duschen und Haut, die man nicht trocken kriegt, sehr eingegrenzte Freizeitmöglichkeiten, keinen Solarstrom, kein Feuerholz, wenn man nicht vorgelagert hat..
Sonne und blauer Himmel ist das Gegenteil.
Da ein klarer Himmel, der ja meistens einen wolkenlosen, warmen Tag vorraussagt, auch eine kalte Nacht davor mit sich bringt, habe ich mich morgens immer gefreut wenn ich gefroren habe.
Grundregel: Wenn sich die Nasenspitze anfühlt als hätte man die Nacht in der Tiefkühltruhe verbracht, wird es ein schöner Tag.
Das war jetzt eine ziemlich weite Exkursion vom Tagesablauf. Jeder Deutschlehrer hätte mir wahrscheinlich eine 5 auf die Struktur dafür reingedrückt.. Ist aber mein Block, also kann ich machen, was ich will. YEAH!
Um aber trotzdem auf das eigentliche Thema zurückzukommen: Wenn also die Sonne scheint, was wahrscheinlich bei etwas mehr als der Hälfte der Tage der Fall war, viel mehr aber auch nicht, dann kann man auch sehr gut joggen gehen. Nachdem nach 2 Wochen Simon die Farm verließ, kam Aaron aus England auf die Farm, mit dem ich ab da fast jeden Tag den Trip zum kleinen Cafe/Bar zwei Dörfer weiter gejoggt bin. Dort waren wir als Gruppe eigentlich sowieso fast jeden Tag, weil es die einzige erreichbare Strom- und Internetquelle war. (Was mir, ohne Handy, realtiv wenig hilfreich war..) Das war zwar nicht super weit, aber weil das Profil der Strecke optisch gefühlt dem Herzrhythmus eines Achterbahnfahreres auf Speed entsprach, reichte es, um fit zu bleiben.
Da von 3(Arbeitsende) bis 7(Abendessen) auch ziemlich viel Zeit am Stück frei ist, konnte man auch problemlos die Berge rundum besteigen. Die Farm lag nämlich, wie die umliegenden Dörfer in einem Tal zwischen zwei schlangenförmigen Bergrücken, von denen man eine saugeile Aussicht hatte.
Die Abende, nach dem Essen waren meistens geprägt von dem, schon erwähnten, billigen Rotwein aus dem nächsten Dorf und von den Sternen an klaren Nächten.
Da die Farm wirklich weit abseits von größerer Zivilisation ist, ist die Lichtverschmutzung dort sehr gering, man kann also viiieeel mehr Sterne sehen als in der nahen Umgebung von Hannover.
Der Himmel dort ist so schön, dass man auch nach 4 Wochen noch nicht müde ist, ihn sich bei Nacht anzugucken. (Vielleicht ist es nach 5 Wochen allerdings langweilig, darüber kann ich leider nur spekulieren.)
Ganz allgemein möchte ich mich bei allen Leuten die ich kennengelernt habe, besonders meine Karawanenkameraden Simon und Aaron und der coolsten Holländerin aller Zeiten, (nach Vater Abraham und Andre Rieu selbstverständlich) Lisa, bedanken.
Ich hoffe, dass Andrea, von der ich weiss, dass sie das hier ließt, und Jeurun ihre Farm noch weiter erfolgreich betreiben und aufbauen und dass sie noch vielen weitern Freiwilligen einige schöne Erfahrungen mitgeben werden.
Ich bin übrigens mittlerweile in Viseu, einer relativ langweiligen Stadt in Zentralportugal. Gleich mache ich mich auf den Weg nach Covilha, wo ich dann hoffentlich morgen mein Handy wiederkriege und mich auf den Weg nach Porto machen kann.
Grüße nach Deutschland und alle anderen die Deutsch verstehen ! (Also niemand.)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen